Leben mit Tourette: Ein Einblick die Welt der TIC-Störungen

Das Tourette-Syndrom gehört zu den neurologischen Erkrankungen und hat in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Nicht zuletzt weil Betroffene oft unter unwillkürlichen Bewegungen und Lautäußerungen leiden, bringt ihr Alltag eine Vielzahl an Herausforderungen und Missverständnis des sozialen Umfelds mit sich. Umso wichtiger ist es mehr Verständnis und Bewusstsein für diese Erkrankung zu schaffen sowie Betroffenen Hilfe zur Diagnosestellung zu geben sowie Behandlungswege aufzuzeigen.

Unter welchen Symptomen leiden Betroffene?

Das Tourette-Syndrom tritt in der Regel in der Kindheit oder im Jugendalter auf und begleitet die Betroffenen oft ein Leben lang. Betroffene erleben dabei eine Vielzahl von Tics, die sich sowohl in Art als auch Schweregrad unterscheiden können. Während einige Menschen mit Tourette-Syndrom nur milde Tics haben, können andere unter schweren Tics leiden, die das tägliche Leben beeinträchtigen. Die Tics werden in zwei Hauptkategorien eingeteilt: motorische Tics und vokale Tics. Motorische Tics umfassen zum Beispiel Augenzwinkern, Kopfnicken, Schulterzucken, Grimassieren oder unkontrollierte Bewegungen der Extremitäten. Vokale Tics hingegen beinhalten Lautäußerungen wie Räuspern, Hüsteln, Grunzen, Wiederholen von Wörtern oder unwillkürliche Äußerungen von obszönen oder unpassenden Wörtern (auch als sogenannte „Koprolalie“ bekannt). Viele Menschen mit dem Tourette-Syndrom verspüren vor dem Auftreten eines Tics ein unangenehmes Gefühl oder eine innere Spannung, die als prämonitory urge bezeichnet wird. Dieses Gefühl kann vorübergehend gelindert werden, indem der Tic ausgeführt wird.

Diagnosestellung

Die Diagnose des Tourette-Syndroms erfordert in der Regel eine gründliche Untersuchung durch einen Facharzt, wie einen Neurologen oder Psychiater. Sie basiert auf den beobachteten Symptomen und dem Ausschluss anderer möglicher Ursachen für Tics.

Hier sind einige Schritte, die bei der Diagnose des Tourette-Syndroms typischerweise durchgeführt werden:

  • Anamnese: Der Arzt wird ausführliche Informationen über die Symptome erfragen, wie deren Dauer und Schweregrad. Es wird auch nach Familienangehörigen gefragt, die ebenfalls von Tics oder dem Tourette-Syndrom betroffen sein könnten.
  • Beobachtung der Tics: Der Arzt wird die Tics des Patienten beobachten und deren Art, Häufigkeit und Dauer dokumentieren. Es ist wichtig festzustellen, ob sowohl motorische als auch vokale Tics vorhanden sind.
  • Ausschluss anderer Ursachen: Da Tics auch durch andere Erkrankungen oder Medikamente verursacht werden können, können körperliche Untersuchungen, Laboruntersuchungen und gegebenenfalls bildgebende Verfahren eingesetzt werden.
  • Diagnosekriterien: Um die Diagnose des Tourette-Syndroms zu stellen, müssen die Tics über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr auftreten mehrmals täglich, fast jeden Tag oder in Phasen auftreten. Es müssen sowohl motorische als auch vokale Tics vorhanden sein. Die Tics dürfen nicht ausschließlich durch eine medizinische oder andere psychiatrische Erkrankung erklärt werden.
  • Begleitsymptome: Der Arzt wird auch nach dem Vorhandensein von Begleitsymptomen wie ADHS, Zwangsstörungen oder anderen Störungen fragen, die häufig mit dem Tourette-Syndrom assoziiert sind.

Es ist wichtig zu beachten, dass das Tourette-Syndrom eine sorgfältige Diagnostik erfordert und in einigen Fällen mehrere Besuche beim Arzt notwendig sein können, um die Symptome und den Verlauf der Erkrankung zu beobachten. Eine frühzeitige Diagnose und angemessene Behandlung können zudem dazu beitragen, die Auswirkungen der Erkrankungen zu mildern und den Betroffenen ein besseres Bewältigen ihres Alltags zu ermöglichen.

Abgrenzung zu Tic-Störungen

Obwohl das Tourette-Syndrom eine Form der Tic-Störung ist, gibt es einige erwähnenswerte Unterschiede. Zum einen sind die Tics von Betroffenen des Tourette-Syndroms in der Regel chronisch, wohingegen sie bei Tic-Störungen auch vorübergehend sein können. Weiterhin sind die Tics bei einer Erkrankung an Tourette komplexer und auch schwerer und Betroffene leiden häufiger an den zuvor genannten Begleitsymptomen. Die Diagnosekriterien geben ebenfalls vor, dass bei dem Tourette-Syndrom sowohl motorische, als auch vokale Tics vorhanden sein müssen, wobei bei der Tic-Störung auch eine der beiden Ausprägungen ausreichend ist.

Wie kommt es zu einer Erkrankung?

Die genauen Ursachen des Tourette-Syndroms sind noch nicht vollständig erforscht. Es wird jedoch angenommen, dass eine Kombination von genetischen und Umweltfaktoren eine Rolle bei der Entstehung der Erkrankung spielt:

Genetik: Es gibt starke Hinweise darauf, dass das Tourette-Syndrom eine genetische Komponente hat, da festgestellt wurde, dass das Risiko zu erkranken bei Menschen mit ebenfalls betroffenen Familienangehörigen höher ist. Es wurden auch bestimmte Genvarianten identifiziert, die mit einem gesteigerten Risiko für das Tourette-Syndrom in Verbindung gebracht werden.

Neurochemie: Es wird vermutet, dass Veränderungen in der Neurotransmitterfunktion im Gehirn eine Rolle bei der Entwicklung des Tourette-Syndroms spielen könnten. Insbesondere ein Ungleichgewicht im dopaminergen System wird diskutiert, da Dopamin eine wichtige Rolle bei der Regulation von Bewegungen und der Verhaltenskontrolle spielt.

Hirnstruktur und -funktion: Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Menschen mit dem Tourette-Syndrom bestimmte Regionen des Gehirns, wie der Basalganglienbereich und die kortikalen Netzwerke, strukturelle und funktionelle Unterschiede aufweisen können.

Umweltfaktoren: Obwohl die genauen Umweltfaktoren, die das Risiko für das Tourette-Syndrom erhöhen können noch nicht vollständig geklärt sind, gibt es einige Hinweise darauf, dass pränatale Faktoren wie Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt sowie bestimmte Infektionen in der Kindheit das Risiko für die Entwicklung von Tourette erhöhen könnten.

Wie wird das Tourette-Syndrom behandelt?

Die Behandlung des Tourette-Syndroms zielt darauf ab, die Symptome zu kontrollieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Da es sich um eine komplexe Erkrankung handelt, kann die Behandlung eine individuelle Herangehensweise erfordern, die auf die spezifischen Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten ist. Es folgen einige gängige Behandlungsmöglichkeiten:

  1. Verhaltensinterventionen: Verhaltensinterventionen können helfen, die Tics zu reduzieren oder zu kontrollieren. Zum Beispiel können Entspannungstechniken, wie progressive Muskelentspannung oder Atemübungen Stress abbauen und Tics verringern. Verhaltensmodifikationstechniken, wie das Umleiten der Aufmerksamkeit auf alternative Verhaltensweisen, können ebenfalls nützlich sein.
  2. Medikamentöse Behandlung: In einigen Fällen können Medikamente verschrieben werden um die Symptome des Tourette-Syndroms zu reduzieren, typischerweise werden Neuroleptika oder bestimmte Alpha-2-Adrenozeptor-Agonisten eingesetzt. Diese Medikamente können helfen, die Schwere und Häufigkeit der Tics zu verringern, haben jedoch möglicherweise Nebenwirkungen, die mit dem behandelnden Arzt besprochen werden sollten.
  3. Psychotherapie: Psychotherapeutische Ansätze, wie die kognitive Verhaltenstherapie, können dabei unterstützen Strategien zur Bewältigung der Tics und damit verbundener Probleme zu entwickeln. Dies kann den Umgang mit Belastungen verbessern, das Selbstbewusstsein stärken und somit die Lebensqualität steigern.
  4. Behandlung der Begleitsymptome: Bei Bedarf können weitere Behandlungsansätze eingesetzt werden um Begleitsymptome des Tourette-Syndroms zu behandeln. Zum Beispiel kann die Behandlung einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit stimulierenden Medikamenten oder Verhaltensinterventionen erfolgen.
  5. Weitere unterstützende Maßnahmen: Die Gestaltung eines unterstützenden sozialen Umfelds, in dem die Betroffenen Verständnis und Akzeptanz erfahren, ist sehr bedeutsam. Aufklärung der Familie, Freunde, Lehrer und Arbeitgeber kann dazu beitragen Vorurteile abzubauen und die Unterstützung im Alltag zu verbessern.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Behandlung des Tourette-Syndroms individuell angepasst werden sollte und dass ein multidisziplinärer Ansatz, der verschiedene Fachkräfte wie Ärzte, Therapeuten und Lehrer einschließt, von Vorteil sein kann. Eine kontinuierliche Betreuung und regelmäßige Nachuntersuchungen sind ebenfalls wichtig, um die Wirksamkeit der Behandlung zu überwachen und Anpassungen vorzunehmen, falls erforderlich.

Quellenangaben
  • Brandt, Valerie; Münchau, Alexander; Jakubovski, Ewgeni & Müller-Vahl, Kirsten: Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen. Stuttgart, 2018.
  • Leicester, Mal: Leben mit Tourette-Syndrom: Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige, Therapeuten und Lehrer. Stuttgart, 2015.
  • Rudert, Lena & Chowdhury, Uttom. Tics und Tourette-Syndrom: ein Handbuch für Fachleute und Eltern. Stuttgart, 2009.

Kategorien: Therapie

Vanessa Graßnickel
Chefärztin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Vanessa Graßnickel
Dr. med. Vanessa Graßnickel ist eine anerkannte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach langjähriger Tätigkeit als Oberärztin übernahm sie 2024 die Position als Chefärztin der LIMES Schlossklinik Fürstenhof in Bad Brückenau. Dr. Graßnickel spezialisiert sich auf verhaltenstherapeutisch basierte Behandlungen und Suchtmedizin, fundiert durch ihr Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum und einer umfangreichen fachärztlichen Ausbildung an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bochum. In ihrer Rolle als Chefärztin verbindet Dr. Graßnickel modernste diagnostische und therapeutische Methoden mit einer empathischen, respektvollen Patientenbetreuung sowie maßgeschneiderten Therapieplänen.

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