Suizidalität und der Menstruationszyklus: wie Hormone die psychische Gesundheit beeinflussen

Die Menstruation ist ein natürlicher biologischer Prozess, den alle Frauen im gebärfähigen Alter durchlaufen. Doch neben den bekannten körperlichen Symptomen, wie Krämpfen und Müdigkeit, beeinflusst der Menstruationszyklus auch die psychische Gesundheit auf tiefgreifende Weise. Besonders Frauen, die bereits an psychischen Problemen leiden, erleben während bestimmter Phasen des Zyklus oft eine Verschlechterung ihres Wohlbefindens. Aktuelle Studien zeigen sogar, dass Suizidgedanken und -pläne in diesen Zeiten zunehmen können.

Der Menstruationszyklus und seine Phasen

Um zu verstehen, wie der Menstruationszyklus die psychische Gesundheit beeinflusst, ist es wichtig, die verschiedenen Phasen des Zyklus zu betrachten. Ein typischer Menstruationszyklus dauert etwa 28 Tage und kann in vier Hauptphasen unterteilt werden:

Menstruationsphase (Tag 1-5): Der Beginn des Zyklus, in dem die Gebärmutterschleimhaut abgestoßen wird.

Follikelphase (Tag 1-13): Die Phase, in der die Follikel in den Eierstöcken heranreifen und Östrogen produziert wird.

Ovulationsphase (Tag 14): Der Eisprung, bei dem ein reifes Ei aus dem Eierstock freigesetzt wird.

Lutealphase (Tag 15-28): Die Phase nach dem Eisprung, in der der Gelbkörper Progesteron produziert.

Hormonelle Einflüsse auf die Psyche

Die beiden Hauptakteure im Menstruationszyklus sind die Hormone Östrogen und Progesteron. Diese Hormone beeinflussen nicht nur die Fortpflanzungsorgane, sondern auch das Gehirn und das zentrale Nervensystem.

Östrogen: Dieses Hormon hat eine antidepressive Wirkung und kann die Stimmung positiv beeinflussen. Höhere Östrogenspiegel, wie sie in der Follikelphase vorkommen, sind oft mit besserer Stimmung und höherer Energie verbunden.

Progesteron: Nach dem Eisprung steigt der Progesteronspiegel an. Während Progesteron einige beruhigende Eigenschaften hat, kann ein Übermaß dieses Hormons mit Angst und depressiven Symptomen verbunden sein.

Prämenstruelles Syndrom und Prämenstruelle Dysphorische Störung

Viele Frauen erleben in der Lutealphase Symptome des Prämenstruellen Syndroms (PMS), die sowohl physischer als auch psychischer Natur sein können. Bei einigen Frauen sind diese Symptome jedoch so schwerwiegend, dass sie als Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS) diagnostiziert werden.

PMS-Symptome

PMS umfasst eine breite Palette von Symptomen, die in der zweiten Hälfte des Menstruationszyklus auftreten und meist kurz nach Beginn der Menstruation abklingen:

Körperliche Symptome: Blähungen, Brustspannen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Gewichtszunahme, Gelenk- und Muskelschmerzen

Emotionale und verhaltensbezogene Symptome: Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Angst, depressive Verstimmungen, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten

PMDS-Symptome

PMDS ist eine schwerere Form von PMS und betrifft etwa 3-8% der menstruierenden Frauen. Die Symptome von PMDS sind intensiver und beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

Schwere depressive Episoden: Intensive Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken

Ausgeprägte Angst und Anspannung: Panikattacken, übermäßige Sorgen

Starke Stimmungsschwankungen: Plötzliches Weinen, extreme Reizbarkeit

Deutlich reduzierte Aktivität und Interesse: Verminderte Teilnahme an alltäglichen Aktivitäten und sozialen Interaktionen

Physische Symptome: Ähnlich wie bei PMS, aber oft intensiver

Hormonelle Veränderungen beeinflussen auch die Neurotransmitter im Gehirn, wie Serotonin, das eine wichtige Rolle bei der Stimmungsregulation spielt. Ein Ungleichgewicht des Serotoninspiegels kann zu den emotionalen Symptomen von PMS und PMDS beitragen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen könnten, da PMS und PMDS in Familien gehäuft auftreten.

Suizidale Tendenzen und der Zyklus

Studien haben gezeigt, dass die Symptome von Depression und Angst bei Frauen mit bestehenden psychischen Problemen während der Lutealphase und Menstruationsphase verstärkt auftreten können. In diesen Zeiten kann es zu einer Zunahme von Suizidgedanken und -plänen kommen. Eine mögliche Erklärung hierfür ist die plötzliche Abnahme des Östrogenspiegels nach dem Eisprung, die zu einer Verschlechterung der Stimmung führen kann.

Die neurobiologischen Mechanismen hinter diesem Phänomen sind komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird jedoch angenommen, dass hormonelle Schwankungen die Neurotransmitter im Gehirn beeinflussen, die für die Regulierung der Stimmung verantwortlich sind, wie Serotonin und Dopamin. Ein Ungleichgewicht dieser Neurotransmitter kann zu den beobachteten Stimmungsschwankungen und suizidalen Tendenzen beitragen. Zudem könnten entzündliche Prozesse und Veränderungen im Stresshormonhaushalt eine Rolle spielen.

Prävention und Therapie

Für Frauen, die unter zyklusabhängigen Stimmungsschwankungen und suizidalen Tendenzen leiden, gibt es verschiedene Therapieansätze, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Maßnahmen umfassen. Diese Ansätze zielen darauf ab die hormonellen Schwankungen zu stabilisieren, die Stimmung zu regulieren und damit die Lebensqualität zu verbessern.

Medikamentöse Therapieansätze

Antidepressiva: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) und andere Antidepressiva haben sich als wirksam erwiesen, um depressive Symptome und suizidale Gedanken zu lindern. Diese Medikamente können kontinuierlich über den gesamten Zyklus hinweg oder gezielt in der Lutealphase eingenommen werden, um die Stimmungsschwankungen zu mildern.

Hormontherapie: Hormonelle Verhütungsmittel, wie kombinierte orale Kontrazeptiva, können dazu beitragen die hormonellen Schwankungen zu stabilisieren und die damit verbundenen Stimmungsschwankungen zu verringern. In einigen Fällen kann auch eine Hormonbehandlung mit Progesteronantagonisten oder Gonadotropin-Releasing-Hormon (GnRH)-Agonisten in Betracht gezogen werden, um die hormonellen Einflüsse zu regulieren.

Schmerzmittel und antiinflammatorische Medikamente: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs) können bei körperlichen Symptomen, wie Krämpfen und Kopfschmerzen, helfen, die oft mit PMS und PMDS einhergehen und dadurch indirekt die Stimmung verbessern.

Nicht-medikamentöse Therapieansätze

Psychotherapie: Verschiedene Formen der Psychotherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, können Frauen helfen Strategien zu entwickeln, um mit den zyklusabhängigen Stimmungsschwankungen umzugehen. Therapeuten können dabei unterstützen negative Denkmuster zu identifizieren und zu verändern, Bewältigungsstrategien zu erlernen und die emotionale Resilienz zu stärken.

Ernährungs- und Lebensstiländerungen: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und ausreichend Schlaf können die Symptome von PMS und PMDS ebenfalls verbessern. Bestimmte Nährstoffe wie Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und Vitamin B6 haben sich als hilfreich erwiesen, um die Stimmung zu stabilisieren. Regelmäßige Bewegung kann zudem die Freisetzung von Endorphinen fördern, die als natürliche Stimmungsaufheller wirken.

Entspannungstechniken: Techniken wie Yoga, Meditation, Achtsamkeitstraining und progressive Muskelentspannung können helfen Stress und Angst zu reduzieren. Diese Methoden fördern die Entspannung und verbessern das allgemeine Wohlbefinden, was sich positiv auf die Stimmung auswirken kann.

Soziale Unterstützung: Der Austausch mit Freunden, Familie oder Selbsthilfegruppen kann ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Soziale Unterstützung bietet emotionale Entlastung und kann helfen die Belastungen, die mit PMS und PMDS einhergehen, besser zu bewältigen.

Selbstbeobachtung und Zyklus-Tagebuch: Das Führen eines Tagebuchs, in dem die Symptome im Verlauf des Zyklus dokumentiert werden, kann hilfreich sein, um Muster zu erkennen und besser zu verstehen, wann die Symptome am stärksten auftreten. Diese Informationen können auch dazu beitragen die Behandlung individuell anzupassen und effektiver zu gestalten.

Abschließend lässt sich sagen, dass Frauen, die unter zyklusabhängigen Stimmungsschwankungen und suizidalen Tendenzen leiden, Zugang zu einer Vielzahl von Therapieansätzen haben, die individuell angepasst werden können. Eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen kann dazu beitragen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Es ist wichtig, dass betroffene Frauen in enger Zusammenarbeit mit ihren Ärzten und Therapeuten eine passende Behandlungsstrategie entwickeln, die auf ihre spezifischen Bedürfnisse und Symptome abgestimmt ist. Mit der richtigen Unterstützung können die Herausforderungen, die mit zyklusabhängigen Stimmungsschwankungen einhergehen, effektiv bewältigt werden.

Quellenangaben
  • Gandras, G. (2021). Die Therapeutische Beziehung in der Psychotherapie. Springer Verlag, Berlin.
  • Schnell, T. (2016). Praxisbuch: Moderne Psychotherapie. Springer Verlag, Berlin.

Kategorien: Depressionen

Vanessa Graßnickel
Chefärztin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Vanessa Graßnickel
Dr. med. Vanessa Graßnickel ist eine anerkannte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach langjähriger Tätigkeit als Oberärztin übernahm sie 2024 die Position als Chefärztin der LIMES Schlossklinik Fürstenhof in Bad Brückenau. Dr. Graßnickel spezialisiert sich auf verhaltenstherapeutisch basierte Behandlungen und Suchtmedizin, fundiert durch ihr Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum und einer umfangreichen fachärztlichen Ausbildung an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bochum. In ihrer Rolle als Chefärztin verbindet Dr. Graßnickel modernste diagnostische und therapeutische Methoden mit einer empathischen, respektvollen Patientenbetreuung sowie maßgeschneiderten Therapieplänen.

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