Tabuthema: Suizid

Menschen, die sich suizidieren wollen, kann nicht geholfen werden. Wer von Suizidgedanken berichtet, schreitet nicht zur Tat. Über das Thema zu sprechen erhöht das Risiko. Einmal Suizidgedanken, immer Suizidgedanken. Nur ein Ausschnitt der Mythen, die Rund um den Suizid kursieren. Und weil die Thematik so komplex und unbehaglich ist, findet sie viel zu wenig Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft und führt bei einer Betroffenheit zu großer Hilflosigkeit.

Warum sprechen wir von Suizid statt Selbstmord?

Seit Jahren besteht eine rege Diskussion. Obwohl beide Begriffe die vorsätzliche Beendigung des eigenen Lebens meinen, schwingen in ihnen unterschiedliche Bedeutungen mit. So wird der Begriff Selbstmord häufig von Betroffenen, Angehörigen und Hinterbliebenen als verletzend empfunden, da eine Person die ihrem Leben ein Ende setzt keine kriminelle Handlung begeht und auch nicht aus freiem Willen sterben möchte. Suizid beschreibt aus diesem Grund feinfühliger, dass Betroffene in einer akuten Krise keinen anderen Ausweg sehen, um ihr Leiden zu beenden.

Suizidgedanken und suizidales Verhalten

Neben einem sensiblen Umgang mit den Begrifflichkeiten ist es von Bedeutung eine Abgrenzung von aktiven und passiven Suizidgedanken sowie suizidalem Verhalten vorzunehmen:

Passive Suizidgedanken: Hierzu zählen Gedanken über den eigenen Tod ohne eine ernsthafte Absicht dem Leben ein Ende zu setzten. In der Vorstellung können Betroffene beispielsweise an einer tödlichen Krankheit leiden, in einen Unfall verwickelt werden oder eines Morgens einfach nicht mehr aufwachen.

Aktive Suizidgedanken: Im Rahmen aktiver Gedanken das eigene Leben zu beenden werden bereits konkrete Maßnahmen und Pläne durchdacht.

Suizidales Verhalten: Zu suizidalem Verhalten zählen das Sprechen über Suizidgedanken sowie Handlungen, die mit der Beendigung des Leben in Verbindung stehen, wie selbstverletzendes Verhalten oder Suizidversuche.

Es wird deutlich, dass es verschiedene Stadien gibt, mit denen der Leidensdruck und die Lebensgefahr steigen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, bereits passiven Suizidgedanken Beachtung zu schenken. Angehörige sollten auch bei selbstverletzendem Verhalten ohne eine zusätzliche Äußerung von Suizidgedanken wachsam sein, denn es kann gut sein, dass die betroffene Person keine andere Möglichkeit sieht auf Ihre Belastung aufmerksam zu machen.

Zahlen – Daten – Fakten

Die Relevanz sich mit dem Thema Suizid auseinanderzusetzen wird nochmal mehr durch die Betrachtung der Datenlage klar. Das Statistische Bundesamt spricht in aktuellen Berichten von 9206 Personen, die im Jahr 2020 Suizid begingen. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr starben im gleichen Jahr rund 3000 Personen, 1500 durch Drogenmissbrauch und 270 durch AIDS. Das berichtete Durchschnittsalter lag bei 59 Jahren und mit 75 Prozent gab es eine deutlich höhere Betroffenheit der Männer. Am häufigsten wurden dabei die Methoden Ersticken, Strangulieren und Erhängen gewählt. Grundsätzlich wird bei Menschen, die bereits einen Suizidversuch unternommen haben ein deutlich höheres Risiko es wieder zu tun berichtet. Darüber hinaus hat knapp die Hälfte aller Betroffenen weniger als einen Monat vorher Hilfe bei einem Arzt gesucht. Dieser Fakt macht nochmal deutlich, wie wichtig es ist Suizidgedanken ernst zu nehmen und wie viel Hilfe geleistet werden kann wenn genügend Aufklärung über das Thema vorhanden ist.

Warum es so weit kommen kann

Um Suiziden vorbeugen zu können ist es von großer Bedeutung die Hintergründe zu verstehen. Es gibt zwei große Gruppen von Risikofaktoren:

Psychische Erkrankungen

Das betrifft 90 Prozent der Menschen, die am Suizid versterben. Am häufigsten sind dabei Depressionen, gefolgt von Suchterkrankungen und Schizophrenie.

Äußere Faktoren

  • Chronische Erkrankungen
  • Verluste
  • Traumata
  • Missbrauch
  • Konflikte
  • Einsamkeit
  • Arbeitslosigkeit
  • Schulden

Aber Vorsicht! Nur ein einzelnes äußeres Ereignis oder eine kurze depressive Episode führen nicht direkt zum Suizid. Es kommt immer individuell darauf an, wie viele Ressourcen ein Mensch besitzt und wie hoch das Maß an Unterstützung ist um Schwierigkeiten bewältigen zu können. Prinzipiell kann also jeder unter gewissen Umständen in so eine solche Krise geraten, in der alles ausweglos erscheint.

Warnsignale und schnelle Hilfe

Nachdem nun bekannt ist, was einen Suizid auslösen kann, folgt eine kurze Zusammenfassung an Warnsignalen und Hilfestellungen, die besonders Angehörigen helfen können Suizidabsichten zu erkennen und einen Versuch zu verhindern.

Warnsignale

  • Starke Hoffnungslosigkeit
    Aussagen wie „Es macht doch alles keinen Sinn mehr…“, „Jetzt muss endlich etwas passieren…“ oder „Es muss jetzt mal ein Ende haben!“
  • Äußerungen von Suizidgedanken oder selbstverletzendes Verhalten
    Hier ist es besonders wichtig zu betonen, dass ein Ansprechen solcher Gedanken sehr wohl eine Handlung nach sich ziehen kann!
  • Ordnung schaffen
    Dazu zählen unter anderem das Weggeben von Wertgegenständen, das Schreiben eines Testaments oder Verabschieden von nahestehenden Personen. Betroffene können kurz vor ihrem Suizid zudem plötzlich gelassener und ausgeglichener wirken, sodass der Anschein erweckt wird, es ginge ihnen wieder besser.

Hilfe

  • Ansprechen und da sein
    Es ist ein Mythos, dass ein sachliches Gespräch mit einer suizidalen Person die Lage verschlimmern und sogar anregend wirken kann. Viele Betroffene haben ein großes Bedürfnis, gesehen zu werden und ihre Gedanken äußern zu können. Ein Gespräch kann das Gefühl vermitteln, nicht alleine in dieser vermeintlich ausweglosen Situation zu sein und neue Hoffnung geben.
  • Professionelle Unterstützung
    Egal ob bisher “nur“ passive Suizidgedanken bestehen oder bereits ein Suizidversuch stattgefunden hat, es sollte in jedem Fall Unterstützung von einem Psychotherapeuten, Psychiater oder im Rahmen eines stationären Klinikaufenthaltes gesucht werden.
  • Verantwortung übernehmen
    Gerade in akuten Situationen ist es für Betroffene häufig schwierig sich aufgrund der Scham- und Schuldgefühle Hilfe zu suchen. Ein Gespräch ist zu diesem Zeitpunkt meist auch nicht mehr möglich und das Rufen eines Notarztes ratsam. Es ist wichtig die betroffene Person unter keinen Umständen alleine zu lassen und sich Zeit zu verschaffen, da der Wunsch nach dem Tod meist nur vorübergehend ist.

Wählen Sie in dringenden Fällen unbedingt direkt die 112!

Anonyme und kostenlose Unterstützung erhalten Sie zudem rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

Quellenangaben
  • Schneider, Barbara: Risikofaktoren für Suizid. Regensburg, 2003.
  • Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html#, Abruf am 18.11.2022.
  • TelefonSeelsorge Deutschland e.V.: https://www.telefonseelsorge.de/telefon/, Abruf am 18.11.2022.
  • Wolfersdorf,  Manfred ; Etzersdorfer, Elmar: Suizid und Suizidprävention. Stuttgart, 2011.

Kategorien: Depressionen

Vanessa Graßnickel
Chefärztin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Vanessa Graßnickel
Dr. med. Vanessa Graßnickel ist eine anerkannte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach langjähriger Tätigkeit als Oberärztin übernahm sie 2024 die Position als Chefärztin der LIMES Schlossklinik Fürstenhof in Bad Brückenau. Dr. Graßnickel spezialisiert sich auf verhaltenstherapeutisch basierte Behandlungen und Suchtmedizin, fundiert durch ihr Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum und einer umfangreichen fachärztlichen Ausbildung an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bochum. In ihrer Rolle als Chefärztin verbindet Dr. Graßnickel modernste diagnostische und therapeutische Methoden mit einer empathischen, respektvollen Patientenbetreuung sowie maßgeschneiderten Therapieplänen.

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