Wie autoritäre Erziehung das Streben nach Makellosigkeit prägt

Die Art und Weise wie wir unsere Kinder erziehen hat deutliche Auswirkungen auf die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Ein Erziehungsansatz, der auf klaren Anweisungen, strengen Regeln und einem hierarchischen Gefüge basiert, ist die autoritäre Erziehung. Viele Jahre war sie eine anerkannte Erziehungsmethode, gilt jedoch inzwischen als umstritten. Doch die Auswirkungen bleiben und haben unter anderem Spuren auf das Streben nach Perfektion der Kinder hinterlassen.

Autoritäre Erziehung im Fokus

Die autoritäre Erziehung ist durch die Entscheidungsgewalt der Eltern oder Erziehungsberechtigten gekennzeichnet, während den Kindern wenig Spielraum für Mitbestimmung oder individuelle Entfaltung bleibt.

Charakteristisch für autoritäre Erziehung sind:

  • Klare Hierarchie: Es existiert eine Rangordnung, in der die Autoritätsperson über den Kindern steht. Die Kommunikation erfolgt von oben nach unten.
  • Strenge Regeln und hohe Erwartungen: Autoritäre Eltern setzen klare und rigide Regeln, die von den Kindern befolgt werden müssen. Es werden hohe Leistungsanforderungen und Erwartungen an die Kinder gestellt.
  • Wenig Raum für Diskussion: Entscheidungen werden in der Regel von den Eltern getroffen, ohne viel Raum für die Meinung der Kinder. Diskussionen oder Verhandlungen über Regeln sind eher unüblich.
  • Strafen als Erziehungsmittel: Autoritäre Erziehung setzt häufig auf Strafen, um unerwünschtes Verhalten zu unterbinden. Dies kann von einfachen Bestrafungen, wie einem Verweis oder Hausarrest, bis hin zu körperlicher Züchtigung reichen.

Perfektionismus als Persönlichkeitsmerkmal

Perfektionismus ist eine Eigenschaft, die sich durch den strengen Anspruch an sich selbst auszeichnet stets höchste Standards zu erfüllen und keine Fehler zu akzeptieren.

Charakteristische Merkmale des Perfektionismus sind:

  • Hohe Selbstansprüche: Perfektionisten setzen sich übermäßig hohe Ziele und erwarten von sich selbst in allen Bereichen ihres Lebens perfekt zu sein. Dies betrifft nicht nur berufliche Leistungen, sondern beispielsweise auch zwischenmenschliche Beziehungen und das Aussehen.
  • Angst vor Fehlern: Perfektionisten haben oft eine ausgeprägte Angst davor zu scheitern. Sie neigen dazu Fehler als persönliches Versagen zu interpretieren und sind sehr selbstkritisch.
  • Übermäßige Kontrolle: Perfektionisten versuchen oft jeden Aspekt ihres Lebens unter Kontrolle zu halten, um sicherzustellen, dass nichts schief geht.
  • Aufschieben von Aufgaben: Da perfektionistische Personen oft hohe Ansprüche an sich selbst stellen, kann die Angst vor möglichen Fehlern dazu führen, dass sie Aufgaben aufschieben, um sie zu vermeiden oder sich länger auf sie vorzubereiten.
  • Schwierigkeiten mit Kritik: Perfektionisten reagieren oft empfindlich auf Kritik, selbst wenn sie konstruktiv ist. Sie nehmen Kritik schnell persönlich und sehen sie als Angriff auf ihre Integrität.

Wie autoritäre Erziehung den Drang nach Perfektion formt

Autoritäre Erziehung kann zu Perfektionismus führen, da sie ein Umfeld schafft, in dem Kinder dazu neigen, unrealistisch hohe Standards für sich selbst zu setzen. Bei diesem Erziehungsstil steht die Einhaltung von Regeln und Anweisungen im Vordergrund und Erziehungsberechtigte legen oft sehr klare Erwartungen fest. Diese rigiden Standards können dazu führen, dass Kinder ständig danach streben die Erwartungen ihrer Autoritätspersonen zu erfüllen, um Lob und Anerkennung zu erhalten. Sie tendieren dazu Fehler als inakzeptabel zu betrachten und entwickeln möglicherweise die Überzeugung, dass nur perfekte Leistungen Anerkennung und Liebe verdienen. Darüber hinaus kann autoritäre Erziehung den Raum für Selbstentfaltung und Kreativität einschränken. Dieser Verlust der Authentizität macht ein intensives Streben nach äußerer Bestätigung ebenfalls wahrscheinlich.

Beispiele aus dem Alltag autoritärer Erziehung

Die folgenden Situationen illustrieren, wie autoritäre Erziehung in verschiedenen Lebensbereichen den Druck zur Perfektion beeinflussen kann:

Schulische Leistungen: Autoritäre Eltern können hohe Erwartungen an schulische Leistungen haben und von ihren Kindern verlangen konstant Bestnoten zu erzielen. Kinder entwickeln darauf hin Perfektionismus, um diesen hohen Standards gerecht zu werden.

Hausarbeiten und Ordnung: Kinder in autoritären Haushalten werden oft dazu angehalten ihre Hausaufgaben und ihre Umgebung perfekt zu organisieren. Ein übermäßiges Bestreben in diesen Bereichen keine Fehler zu machen, kann schnell zu perfektionistischem Denken führen.

Sportliche Aktivitäten: Autoritäre Erziehung kann sich auch auf sportliche Aktivitäten auswirken. Kinder können Perfektionismus entwickeln, um in Sportarten oder anderen außerschulischen Aktivitäten ständig exzellente Ergebnisse zu erzielen.

Soziale Interaktionen und Höflichkeit: Autoritäre Eltern erwarten von ihren Kindern häufig eine perfekte Einhaltung sozialer Normen und Höflichkeitsregeln. Dies kann dazu führen, dass Kinder perfektionistische Züge in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen entwickeln, um Zustimmung und Anerkennung zu erhalten.

Kleidung und äußeres Erscheinungsbild: Der Druck, sich äußerlich perfekt zu präsentieren, ist in autoritären Haushalten oft sehr präsent. Kinder können dazu neigen sich akribisch um ihr äußeres Erscheinungsbild zu kümmern, um den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden.

Perfektionismus und psychische Gesundheit

Perfektionismus kann eine Vielzahl von Folgen haben, die die mentale Gesundheit einer Person beeinflussen:

Angststörungen: Perfektionisten neigen dazu übermäßig besorgt bei Fehlern und Unvollkommenheiten zu sein.

Depressionen: Die ständige Jagd nach Perfektion kann zu anhaltendem Stress und Druck sowie dem Gefühl der Unzulänglichkeit führen.

Soziale Isolation: Der Drang nach Perfektion kann dazu führen, dass Menschen ihre eigenen Aktivitäten und sozialen Interaktionen einschränken, da sie befürchten von anderen kritisiert oder abgelehnt zu werden.

Geringes Selbstwertgefühl: Perfektionisten setzen ihre Selbstachtung oft stark mit ihrer Leistung gleich. Wenn ihre Leistung nicht perfekt ist, bringt dies ein geringes Selbstwertgefühl mit sich.

Beziehungsprobleme: Perfektionismus kann sich auch auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirken. Die hohen Erwartungen, die an sich selbst und andere gestellt werden, können zu Konflikten und Spannungen führen.

Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jede autoritäre Erziehung zwangsläufig zu Perfektionismus führt und nicht jeder Perfektionismus zu psychischen Gesundheitsproblemen. In einigen Fällen kann Perfektionismus auch positive Auswirkungen haben, wie das Bewältigen von besonders anspruchsvollen Aufgaben oder eine gute Organisation. Es wird jedoch problematisch, wenn Perfektionismus zu einem Zwang wird und das alltägliche Leben negativ beeinträchtigt. In solchen Fällen kann es hilfreich sein professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um gesündere Verhaltensmuster zu erlernen.

Quellenangaben
  • Jacob, A. & Zeddies R. (2019). Elterliche Erziehung: Verstehen – Beschreiben – Unterstützen Ein Arbeitsbuch. Kohlhammer Verlag, Stuttgart.
  • Jungbauer, J. (2017). Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters: Ein Lehrbuch für Studium und Praxis sozialer Berufe. Beltz Juventa, Weinheim.
  • Spitzer, N. (2016). Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen: Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung. Springer, Berlin Heidelberg.
Verena Klein
Autor:in Verena Klein
"Die LIMES Schlosskliniken haben sich auf die Behandlung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen spezialisiert. Mit Hilfe des Blogs möchten wir als Klinikgruppe die verschiedenen psychischen Erkrankungen näher beleuchten und verschiedene Therapien sowie aktuelle Themen vorstellen."

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