Alexithymie – die Unfähigkeit, die eigenen Emotionen zu erkennen

Emotionen sind ein integraler Bestandteil unserer menschlichen Erfahrung. Sie dienen als Wegweiser für unser Wohlbefinden, helfen uns Beziehungen zu führen und ermöglichen eine tiefere Verbindung zu uns selbst. Doch nicht jeder Mensch ist in der Lage seine eigenen Emotionen klar zu erkennen und zu verstehen. Ein Phänomen, das als Alexithymie bekannt ist, wirft einen Schatten auf die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung.

Was ist Alexithymie?

Alexithymie ist ein Begriff, der erstmals in den 1970er Jahren von den Forschern Peter Sifneos und John Nemiah geprägt wurde. Er bezeichnet eine Persönlichkeitsdimension, die durch die Schwierigkeit gekennzeichnet ist eigene Emotionen zu benennen, zu unterscheiden und auszudrücken.

Die Hauptmerkmale von Alexithymie umfassen:

Schwierigkeiten bei der Emotionsbenennung: Menschen mit Alexithymie können Probleme haben ihre Gefühle in Worte zu fassen. Sie verwenden häufig vage Begriffe wie „gut“ oder „schlecht“ um ihre Emotionen zu beschreiben.

Eingeschränkte emotionale Vorstellungskraft: Die Fähigkeit, sich in die emotionalen Erfahrungen anderer hineinzuversetzen, ist bei alexithymen Personen häufig eingeschränkt.

Externe statt interne Fokussierung: Alexithymie geht oft mit einer stärkeren Ausrichtung auf äußere Ereignisse und Handlungen einher, während die internen emotionalen Zustände vernachlässigt werden.

Körperliche Symptome: Alexithymie wird oft von körperlichen Symptomen begleitet, wie beispielsweise Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder Verspannungen. Diese physischen Manifestationen können eine Folge der unterdrückten Emotionen sein.

Es ist wichtig zu betonen, dass Alexithymie keine bewusste Entscheidung ist Emotionen zu unterdrücken oder zu verbergen. Es handelt sich vielmehr um eine tief verwurzelte Schwierigkeit im emotionalen Verarbeitungsprozess. Die genauen Ursachen von Alexithymie sind noch nicht vollständig verstanden, jedoch wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Zahlen, Daten, Fakten

Es gibt keine präzisen globalen Statistiken zu Alexithymie, da es sich um einen Zustand handelt, der oft schwer zu diagnostizieren ist und dessen Prävalenz variieren kann. Dennoch gibt es einige allgemeine Informationen und Erkenntnisse:

  • Schätzungen zufolge leiden etwa 10-15% der Bevölkerung an Alexithymie.
  • Einige Forschungsarbeiten legen nahe, dass Männer häufiger von Alexithymie betroffen sind als Frauen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass gesellschaftliche Normen eher Männer dazu neigen lassen ihre Emotionen zu unterdrücken.
  • Alexithymie ist oft mit verschiedenen psychischen Störungen verbunden. Es wird angenommen, dass Menschen mit bestimmten Erkrankungen, wie Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Essstörungen und bestimmten Persönlichkeitsstörungen, häufiger alexithyme Merkmale aufweisen.
  • Einige Studien deuten darauf hin, dass Alexithymie in der Kindheit beginnen und mit bestimmten Entwicklungsstörungen in Verbindung stehen kann.
  • Die Diagnose von Alexithymie erfolgt mithilfe von standardisierten Fragebögen, wie der Toronto-Alexithymie-Skala (TAS-20).

Auswirkungen auf das tägliche Leben

Die Auswirkungen von Alexithymie auf das tägliche Leben können weitreichend sein und verschiedene Lebensbereiche betreffen. Einige der potenziellen Auswirkungen sind Folgende:

Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen

Menschen mit Alexithymie können Schwierigkeiten haben sich auf einer emotionalen Ebene mit anderen zu verbinden. Das Verständnis und die Ausdrucksfähigkeit von Gefühlen sind entscheidend für die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Unfähigkeit, eigene Emotionen zu verstehen und mitzuteilen, kann zu Missverständnissen und Distanz in Freundschaften, romantischen Beziehungen und familiären Verhältnissen führen.

Kommunikationsprobleme

Die eingeschränkte Fähigkeit Emotionen in Worte zu fassen kann zu Kommunikationsproblemen führen. Betroffene haben oft Schwierigkeiten ihre Bedürfnisse, Wünsche oder Sorgen klar zu kommunizieren, was zu Frustration bei ihnen selbst und bei ihren Gesprächspartnern führt.

Probleme bei der Stressbewältigung

Emotionale Intelligenz spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung von Stress. Menschen mit Alexithymie haben häufig Schwierigkeiten Stressoren zu identifizieren, angemessen zu reagieren und Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln. Das erhöhte Stressniveau birgt ein Risiko für  langfristige physische und psychische Gesundheitsprobleme.

Selbstreflexion und persönliches Wachstum

Ein wesentlicher Bestandteil persönlicher Entwicklung ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Alexithymie kann diese Fähigkeit beeinträchtigen, da Menschen Schwierigkeiten haben ihre eigenen Emotionen zu analysieren und daraus zu lernen. Dadurch können Chancen für persönliche Weiterentwicklung und Selbstverständnis verloren gehen.

 Berufliche Herausforderungen

In beruflichen Kontexten sind zwischenmenschliche Fähigkeiten und emotionale Intelligenz oft von großer Bedeutung. Menschen mit Alexithymie können in Teamarbeit, Führungspositionen oder anderen beruflichen Situationen Probleme haben effektiv zu kommunizieren und sich mit Kollegen zu verbinden.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Auswirkungen von Alexithymie von Person zu Person variieren können. Einige Menschen können trotz dieser Herausforderungen ein erfülltes Leben führen, während es für andere eine größere Belastung darstellt.

Behandlung

Die Behandlung von Alexithymie kann eine Herausforderung darstellen, da es sich um ein komplexes Phänomen handelt, das verschiedene Aspekte der emotionalen Verarbeitung betrifft. Es gibt jedoch therapeutische Ansätze, die dabei helfen die Fähigkeiten zur Erkennung, Verarbeitung und zum Ausdruck von Emotionen zu verbessern:

Psychotherapie ist oft die Hauptbehandlung für Alexithymie. Insbesondere kann die psychodynamische Psychotherapie, kognitive Verhaltenstherapie oder emotionsfokussierte Therapie eingesetzt werden, um die emotionale Intelligenz zu fördern.

Auch Achtsamkeitstechniken können Betroffenen helfen sich bewusster auf ihre Emotionen zu konzentrieren. Praktiken wie Meditation und Atemübungen tragen dazu bei die Verbindung zwischen Körper und Geist zu stärken und die Wahrnehmung emotionaler Zustände zu verbessern.

Ansätze wie die körperzentrierte Psychotherapie oder Biofeedback helfen ebenfalls die Verbindung zwischen emotionalen Zuständen und körperlichen Empfindungen zu stärken. Diese Ansätze können Menschen dabei unterstützen, ihre Emotionen durch körperliche Signale besser zu erkennen.

In einigen Fällen lohnt es sich eine medikamentöse Behandlung in Betracht zu ziehen, insbesondere wenn Alexithymie mit anderen psychischen Störungen wie Depressionen oder Angstzuständen verbunden ist.

Darüber hinaus kann die Einbindung von Freunden, Familienmitgliedern oder unterstützenden Gruppen einen positiven Einfluss auf die Bewältigung von Alexithymie haben. Der Austausch von Erfahrungen und die Ermutigung zur emotionalen Offenheit sind oft unterstützend für Betroffene.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Behandlung von Alexithymie individuell angepasst werden muss. Der Erfolg hängt von verschiedenen Faktoren ab, einschließlich der Schwere der Symptome, der zugrunde liegenden Ursachen und der Bereitschaft des Einzelnen, sich auf den Therapieprozess einzulassen. Ein qualifizierter Psychotherapeut oder Psychologe kann eine umfassende Bewertung vornehmen und einen geeigneten Therapieplan entwickeln.

Quellenangaben
  • Rufer, M. & Grabe, H. J. (2022). Alexithymie: Eine Störung der Affektregulation: Konzepte, Klinik und Therapie. Hogrefe AG, Bern.
  • Weber, J. (2023). Ich fühle, was ich will: Wie Sie Ihre Gefühle besser wahrnehmen und selbstbestimmt steuern. Hogrefe AG, Bern.
Vanessa Graßnickel
Chefärztin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Vanessa Graßnickel
Dr. med. Vanessa Graßnickel ist eine anerkannte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach langjähriger Tätigkeit als Oberärztin übernahm sie 2024 die Position als Chefärztin der LIMES Schlossklinik Fürstenhof in Bad Brückenau. Dr. Graßnickel spezialisiert sich auf verhaltenstherapeutisch basierte Behandlungen und Suchtmedizin, fundiert durch ihr Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum und einer umfangreichen fachärztlichen Ausbildung an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bochum. In ihrer Rolle als Chefärztin verbindet Dr. Graßnickel modernste diagnostische und therapeutische Methoden mit einer empathischen, respektvollen Patientenbetreuung sowie maßgeschneiderten Therapieplänen.

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