Persönlichkeitsstörungen: Wenn Erleben und Verhalten von der „Norm“ abweichen

Unsere Persönlichkeit setzt sich aus all unseren Eigenschaften und unserem Verhalten zusammen. Veränderungen sind zwar möglich, jedoch bleiben die meisten Eigenschaften das Leben lang relativ stabil. Und genau mit dieser einzigartigen Persönlichkeit unterscheiden wir uns von jeder anderen Person auf dieser Welt. Doch was genau ist nun eine Persönlichkeitsstörung? Und wie kann eine „Störung“ vorliegen, wenn wir doch eh alle anders sind?

Diagnose Persönlichkeitsstörung

Eine Persönlichkeit mit Störungswert unterscheidet sich durch folgende Merkmale von der anderer Personen:

  • Erleben und Verhalten weichen deutlich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung ab
  • Wenig Flexibilität im Verhalten – Betroffene reagieren, trotz negativer Konsequenzen, in bestimmten Situationen immer wieder auf die gleiche Art und Weise
  • Hoher Leidensdruck durch die Auswirkungen des eigenen Verhaltens, da es die Lebensqualität und eigene Zielerreichung stark beeinträchtigt
  • Deutlich abweichendes Wahrnehmen, Denken und Fühlen in Beziehungen
  • Häufige Konflikte mit Mitmenschen
  • Kein stabiles Selbstbild

Die ersten Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung zeigen sich meist schon im Kindes- und Jugendalter. Um eine Diagnose stellen zu können muss ausgeschlossen werden, dass die Symptome nicht im Rahmen von Drogenkonsum, einem Unfall mit Gehirnschädigung oder einer anderen psychischen Erkrankung auftreten.

Wichtig: Etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung leiden an einer Persönlichkeitsstörung. Innerhalb der verschiedenen Persönlichkeitsstörungen unterscheiden sich die Zahlen nochmal sehr stark. Darüber hinaus leiden die Betroffenen in den meisten Fällen noch an mindestens einer weiteren psychischen Erkrankung, besonders häufig an Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und Suchterkrankungen.

Welche Persönlichkeitsstörungen gibt es?

Die oben genannten Merkmale sind die Schnittmenge der breiten Vielfalt an Persönlichkeitsstörungen. Um eine Überblick über alle bestehenden Ausprägungen zu erhalten, gibt es eine Einteilung in drei größere Kategorien:

Cluster A – Betroffene verhalten sich sonderbar und exzentrisch

  • Paranoide Persönlichkeitsstörung: Misstrauen, Betroffene rechnen permanent mit Angriffen ihrer Mitmenschen, starker Rückzug, zögerliches Eingehen von Beziehungen, schlechter Umgang mit Kritik
  • Schizoide Persönlichkeitsstörung: Sehr zurückhaltend in Beziehungen, Gefühle werden kaum gezeigt, Betroffene wirken sehr distanziert und haben wenige soziale Kontakte, die dadurch entstehende Einsamkeit muss jedoch nicht zwingend unangenehm sein
  • Schizotype Persönlichkeitsstörung: Betroffene wirken eigenartig und ignorieren gewöhnliche Umgangsformen, veränderte Denkweise, Wahrnehmung und Sprachstil, hohe Sensibilität bis Paranoia

Cluster B – Betroffene sind besonders emotional, dramatisch und oder launisch

  • Histrionische Persönlichkeitsstörung: Permanente Suche nach Anerkennung, schnell abklingende positive und negative Gefühle, Betroffene sind sehr extrovertiert und legen viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild, Leid entsteht häufig erst wenn es einen Mangel von äußerer Bestätigung besteht
  • Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Geringes Selbstwertgefühl, was durch eine übertriebe Selbstdarstellung verborgen werden soll, ständige Suche nach Erfolg und Bewunderung, Betroffene wirken häufig arrogant, sind schnell gekränkt und wenig empathisch
  • Dissoziale Persönlichkeitsstörung: Betroffene verletzen Rechte anderer, sind schnell reizbar, impulsiv, aggressiv, zeigen keine Reue, Manipulation der Mitmenschen, fehlendes Schuldbewusstsein
  • Emotional instabile Persönlichkeitsstörung: Neigung zu unkontrollierten Wut- und Gewaltausbrüchen, häufige Konflikte, Stimmungsschwankungen, intensive/krisenhafte Beziehungen, Selbstverletzung, große Bemühungen nicht verlassen zu werden

Cluster C – Betroffene sind besonders ängstlich und furchtsam

  • Vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung: Zurückhaltend in sozialen Situationen, geringes Selbstwertgefühl, Angst vor negativer Beurteilung, Betroffene stehen nicht gerne im Mittelpunkt und vermeiden es ihre Meinung zu äußern
  • Dependente Persönlichkeitsstörung: Großes Bedürfnis nach Fürsorge, Trennungsängste, klammerndes und unterwürfiges Verhalten, Hilflosigkeit, Betroffene fragen viel nach Rat
  • Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Ordnung, Perfektion und Kontrolle werden in hohen Maße angestrebt, Betroffene wollen keine Fehler machen, geraten in Konflikte durch die gleichen Erwartungen an andere, mangelnde Flexibilität und Effizienz

Kombinierte Persönlichkeitsstörung

Da die Persönlichkeit aus unzählig vielen Facetten bestehen kann, lassen sich manche Störungsbilder nicht ganz klar einer Diagnose zuordnen. Um auch in diesen Fällen eine Diagnose stellen zu können, wird von einer kombinierten Persönlichkeitsstörung gesprochen.

Fallbeispiel – Leben mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung

Wie bereits erwähnt hat eine Persönlichkeitsstörung Auswirkungen auf so gut wie alle Lebensbereiche. Wie hoch der Leidensdruck schon bei alltäglichen zwischenmenschlichen Begegnungen und Ereignissen sein kann, zeigt folgendes Beispiel:

Frau S. befindet sich auf der Weihnachtsfeier ihres Arbeitgebers. Als sie den Veranstaltungsort betritt, hört sie wie eine Gruppe von Kollegen laut lacht. Frau S. ist umgehend der Meinung, dass ihre Kollegen über sie lachen. Genau wie alle anderen Gäste, die mit ihrem Gegenüber tuscheln und kichern. Sie fühlt sich ausgegrenzt und beschämt und vermutet, dass ganz entsetzliche Gerüchte über sie verbreitet werden, die ihrem Ruf auf der Arbeit bewusst schaden sollen.

In Wahrheit unterhalten sich alle Kollegen über ganz andere Dinge, lustige Erlebnisse, ihre Urlaube und Freizeitaktivitäten.
Frau S. ist erbost und schreit, alle sollen sofort aufhören über sie zu lästern. Sie lässt sich auch von ihren befreundeten Kollegen nicht beruhigen und verlässt aufgelöst die Feier.

Wie kommt es zu einer solchen Störung?

Die breite Vielfalt an Persönlichkeitsstörungen lässt schon erahnen, dass es nicht die eine Ursache gibt. Vielmehr ist es eine Kombination aus psychosozialen und genetischen Faktoren. Während die genetischen Faktoren nur bei manchen Störungsbildern, wie der dissozialen Persönlichkeitsstörung, einen größeren Stellenwert haben, sind die psychosozialen Faktoren immer ein Auslöser. Psychische Probleme der Eltern, ungünstige Erziehungsstile, fehlender sozialer Rückhalt, traumatische Erlebnisse, Gewalt oder Misshandlung können für eine Erkrankung verantwortlich sein. Warum allerdings bei den einen Personen gewisse Faktoren zu einer Erkrankung führen und bei den anderen nicht, ist bisher nicht abschließend erforscht.

Therapiemöglichkeiten

Vorab: Viele Persönlichkeitsstörungen sind bei der Wahl eines geeigneten Therapieverfahrens heilbar!
Da die Erkrankung meist schon lange besteht, nimmt eine Therapie oft mehrere Jahre in Anspruch. Ziel ist auch kein vollständiger Wandel der Persönlichkeit, sondern eine Veränderung in konkreten Verhaltensweisen und Gedankenstrukturen, die Betroffene im täglichen Leben belasten. Es wird eine bessere Bewältigung von Stresssituationen sowie zwischenmenschlichen Konflikten angestrebt und das ungünstige Selbstbild korrigiert. In dem Zuge werden auch die noch parallel bestehenden Störungsbilder behandelt. Je nach Erkrankung kann darüber hinaus auch eine medikamentöse Behandlung erfolgen.

Quellenangaben
  • Berger, Mathias: Psychische Erkrankungen. München, 2019.
  • Falkai, Peter et al.: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5. Göttingen, 2018.
  • Fiedler, Peter & Herpertz, Sabine: Persönlichkeitsstörungen.  Basel, 2016.
  • Renneberg, Babette & Herpertz, Sabine: Persönlichkeitsstörungen. Göttingen, 2020.
Vanessa Graßnickel
Chefärztin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Vanessa Graßnickel
Dr. med. Vanessa Graßnickel ist eine anerkannte Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach langjähriger Tätigkeit als Oberärztin übernahm sie 2024 die Position als Chefärztin der LIMES Schlossklinik Fürstenhof in Bad Brückenau. Dr. Graßnickel spezialisiert sich auf verhaltenstherapeutisch basierte Behandlungen und Suchtmedizin, fundiert durch ihr Medizinstudium an der Ruhr-Universität Bochum und einer umfangreichen fachärztlichen Ausbildung an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bochum. In ihrer Rolle als Chefärztin verbindet Dr. Graßnickel modernste diagnostische und therapeutische Methoden mit einer empathischen, respektvollen Patientenbetreuung sowie maßgeschneiderten Therapieplänen.

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